Eltons Schaf

Teile meiner Kindheit und Jugend waren von einem rigorosen Glauben durchzogen. Ich bin nicht einfach nur protestantisch gewesen. Ich war pietistisch unterwegs, besser noch evangelikal-pietistisch. Damit ist man nicht christlich, man ist christlicher als christlich. Die Schere im Kopf ist in diesem Umfeld oft der Normalfall. Und Teile meiner latenten sozialen Deformation resultieren sicher aus dieser Zeit.

Meine Eltern sind unschuldig an dieser Entwicklung. Schuld war der Sommer 1980, den ich einsam – da frisch umgezogen – im Neubaugebiet meiner neuen Heimatstadt MR zubringen musste. Die einzige Abwechslung verhieß das Kinderprogramm der ortsansässigen Jungschargruppe des EC. Geleitet von einer Frau mit schwarzem Kleid und weißer Haube, die auf den Namen „Schwester A.“ hörte. Eine Diakonisse, wie ich schnell lernen sollte. „Geh doch mal hin“, sagte meine Mutter. Ich ging – und lernte neben einer Menge netter Kinder irgendwann auch Jesus kennen. Denn ein wesentlicher Teil der evangelikalen Vorstellung von Glauben ist, dass man an einem bestimmten Punkt Gott-Jesus-Heiliger Geist aktiv in sein Leben bittet. In etwa so wie Saulus, als er vor Damaskus zum Paulus wurde.

Ich ging also seit 1980 regelmäßig in die Jungschar (in der übrigens damals so ab 10 die Geschlechtrennung galt). Ich nahm freiwillig in den Ferien an unzähligen Freizeiten teil, gegen die Bootcamps in Sachen Hirnwäsche ein Dreck sind. Ich habe mich in Gebetskreisen zusammen mit anderen Teenagern der Frage gestellt, ob ein Christ Popper sein kann. Und ich sang zeitweilig sogar mehr schlecht als recht in einem Jugendchor. Jede Zeit hat ihre Lieder, also auch diese. Viele davon, die wir in der Jungschar sangen, werde ich sicher noch mit 90 erinnern. Leben im Schatten, sterben auf Raten (der Text plus grooviger Heimorgel) oder Ins Wasser fällt ein Stein.

Das Leben als wiedergeborener Christ ist kein Pappenstiel. Die Welt da draußen hält viele Fallstricke bereit. I only wanna do what’s right und die Autoritäten aus dem evangelikalen Umfeld erläutern dir mit der Bibel in der Hand, was das ist und was nicht. Mit meinem ab elf, zwölf Jahren erwachenden Interesse an der weltlichen U-Musik kam ich daher schnell in Teufels Küche – und damit in arge Gewissensnöte. Denn mir wurde neben vielen anderen nützlichen Dingen – wie, dass Sex vor der Ehe nicht taugt und Homosexualität erst recht nicht – auch beigebracht, dass die säkuläre Pop- und Rockmusik natürlich gerne vom Teufel genutzt würde, um mich vom rechten Weg abzubringen.

Es gab da zum Beispiel ein Buch mit dem Titel Wir wollen nur Deine Seele. Das Machwerk habe ich mir zum Spaß und zu Recherchezwecken noch mal als PDF gezogen. Darin wurde detailliert erklärt, warum von den Beatles bis den Rolling Stones alle Satanisten waren. Hotel California von den Eagles ging selbstredend gar nicht. Black Sabbath war für mich der Inbegriff des Bösen. Der Inhalt ist echt zu krude, um ihn hier mit Auszügen zu würdigen. Aber er hinterließ zunächst einmal Eindruck. Auch meine damalige musikalische Jetzt-Zeit bot genug Zündstoff: Durfte ich Depeche Mode hören, deren Blasphemous Rumours doch eigentlich gar nicht ging und doch so toll war? Und was war mit The Cure? Schwierig, schwierig.

Ich wurde also etwas schizo, das half, mit diesem Dilemma zu leben. Klappte beim Rauchen und Trinken in der Folge auch ganz gut. Und ich fing natürlich an, christliche Bands in der Welt da draußen zu suchen. Ganz oben auf der Liste stand der kleine Weltverbesserer Bono mit U2, die ja insbesondere auf Unforgettable Fire und Joshua Tree ihre christlichen Anleihen hatten. Also hörte ich die rauf und runter – und verstand natürlich sofort, was Bono meinte, als er im Konzertfilm Rattle and Hum die Liveversion von Helter Skelter mit den Worten ankündigt:

This song charles Manson stole from the beatles, we’re stealing it back.

Aber es gab daneben auch einen ganzen Zweig richtig christlicher Künstler, überwiegend natürlich aus den USA. Getreu dem Motto Why should the devil have all the good music machten sie Pop und Rock mit christlichen Texten. Oder sie lebten wenigstens dezidiert christlich und damit einigermaßen „saubere“ Texte.

Noch zu meiner Zeit in den 80igern konnte man die Professionalisierung im amerikanischen und auch deutschen Markt gut beobachten. Es gab und gibt auch christlichen Metal, White Metal halt… Schizo wie ich war, speiste sich ein Teil meines Musiklebens auch aus dieser Quelle. Amy Grant, Bryan Duncan, Michael W. Smith (hier mit Amy Grant), Petra (klicken sämtlicher Beispiele auf eigene Gefahr ;-)). Wir fuhren sogar 1988 zum christlichen Musikfestival Flevo in die Niederlande, um dort drei Tage lang zu campen und Musik zu hören. Noch bekannter in Europa war Greenbelt in England, aber bis dahin kam ich nie. Damals waren die meisten Künstler aus dem Bereich Gospel, Pop, Rock, Metal. Heute gibt es jede musikalische Spielart auch von christlichen Musikern. Und sie finden ihren Weg zunehmend in die American Billboard, wie zum Beispiel P.O.D zeigen.

Zurück in meine 80iger Jahre: Christliche Musikgrößen sorgten mit Ausflügen in die säkulären Gefilde natürlich immer wieder für Diskussionen in den ultrachristlichen Kreisen. Große Aufregung gab es zum Beispiel, als BeBe und CeCe Winans im Gospel Chor von Madonnas Video zu Like a Prayer auftauchten (Die Frau, die Madonna ansingt, ist glaube ich CeCe Winans). Dürfen die das? Durften sie natürlich nicht, böseböse.

Man kann das jetzt alles niedlich und witzig finden. Im Kern geht es aber um überwiegend intolerante Wertvorstellungen und deren Durchsetzung mit allen nur erdenklichen Mitteln. Mit der seit den 80igern auch in Europa rasant gewachsenen christliche Kulturindustrie scheffeln ultrachristliche Gruppierungen Milliarden. Musik, Belletristik, Filme, Comics für die Kids – mit allen Mitteln wird eine ganz speziell zugeschnittene Frohe Botschaft in die Menschen gedrückt:

Alternative rock is just one pillar in the gigantic cathedral of Christian entertainment. It spans from the popular „Left Behind“ novels, which sold 28.8 million copies, to the Grammy-winning singer Steven Curtis Chapman, who helped pack in 50,000 at the Freedom Live festival in Tulsa, Okla., last week. Then there’s the 22 million video sales of the children’s cartoon „VeggieTales.“ This gospel-fueled fun is now a booming business and a cornerstone of American culture. […]

The largely evangelical industry has created its own parallel world anyway, a place where popular art and culture are filtered through a conservative Christian lens and infused with messages of faith. This is a milieu familiar to many people who live in the Red Zone–the vast swath of the nation that tends to go to church, voted for George W. Bush and is sometimes suspicious of the national press (including NEWSWEEK). On the mammon side, the rise of Christian entertainment is a simple matter of supply and demand. The number of evangelicals, or born-agains, has increased sharply over the past 20 years; some studies suggest they’re the fastest-growing segment of America’s religious population. The heavenly ring of cash registers has finally grown so loud that major publishers (including Warner Books) have started Christian-book divisions, and independent gospel-based labels are being snapped up by such corporate giants as Sony and Universal. You don’t have to care about music to see that the subculture of Christian rock, with its marketing strategies, ecclesiastical messages and devoted fans, sheds light on a fascinating sector of American life. (Lorraine Ali, The glorious Rise of Christian Pop, Newsweek, 16, July 2001)

Man kann nun argumentieren, dass sich jeder seine Nische so gemütlich machen kann, wie er will. Aber das Geld, das hier gescheffelt wird, fließt in vielen Fällen in Projekte, die dazu dienen, die Welt im Sinne fundamentalistischer Wertvorstellungen zu gestalten. Den Einfluss fundamentalistischer Kreise auf George W. hat die Dokumentation The Jesus Factor (lief im Oktober 2004 auch auf ARTE) gut dokumentiert.

Mein skurrilstes unter vielen skurrilen Erlebnissen im Zusammenhang mit dem Thema ultrachristliche Irrungen und Wirrungen rund um Musik hatte ich übrigens so mit 16 Jahren: Auch wiedergeborene Christen feiern. Auf einer Geburtstagsparty versuchte ich, aus der äußerst mickrigen und geschmacklich nicht ganz auf meiner Linie liegenden Musiksammlung als DJ irgendwie das Beste zu machen. Als ich gerade Elton John eingelegt hatte, kam einer der Gäste auf mich zu. Ich möge doch bitte etwas anderes als Elton John spielen. Hey schon klar, ich finde den auch nicht gerade super. Aber die Auswahl lässt mir keine andere Wahl. Nein, nein, das Musikalische sei nicht das Problem – aber der Inhalt. Ob ich denn nicht wisse, dass Elton John, nun ja, unter anderem auch mit Tieren verkehre? „Nö.“, sagte ich da, „Aber das erklärt Einiges: Dann besingt er in Blue Eyes sicher die Augen eines Schafes.“ Ich lachte mich kringelig, mein Gegenüber hingegen verzog keine Miene.

Ich glaube, das war der Tag, an dem das Leben ohne Schere im Kopf endgültig deutliche Konturen annahm….

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7 Antworten to “Eltons Schaf”

  1. Danke an Alt-Glienicke für die rechtliche Beratung!!!!

  2. Was ist jetzt daran bitte so komisch, dass Elton ein Schaf besingt?

  3. Vielleicht war es auch noch schwarz und hört auf den namen doorie???

  4. Möglich… Ich finde, das geht nur Elton und mich etwas an!

  5. Ich fand deinen Blogeintrag sehr hilfreich und interessant. Jedoch würde mich interessieren wie du heute zu deinem Glauben stehst? Ich selbst habe mich auch als Jugendliche bekehrt, hatte jedoch nie ein Problem meinen Lebensstil mit Gott zu vereinen. Jesus war für mich nie „die Kirche“ und mir war klar dass viele Menschen auf einem Haufen viele Meinungen über viele Dinge haben werden, sprich, kritisieren, verurteilen und zum „Pharisäertum“ neigen. Mich selbst hat das nie sonderlich gestört. Wenn ich wusste der eine oder andere hat mit bestimmten Sachen ein Problem dann mach ich es eben nich vor ihm, aus Respekt. Aber meine Einstellung – die kann nur Gott selbst ändern. Jedoch hab ich vor der Gemeinde auch nich geraucht, wenn man mich gefragt hat hab ich’s schon gesagt, und wenn keine Kinder dabei waren war’s mir auch wurscht. Aber bis heute rauch ich nich wenn ich vorm Godi draussen bin. Naja. Jedenfalls würde ich mich total freuen ne Antwort zu bekommen, vor allem weil mich interessiert wie du zur „Gehirnwäsche“ stehst. Denn konservatier Schraubstock hin oder her – Gottes Message bleibt in bestimmten Zügen nun mal die gleiche – egal aus welcher Richtung man selber kommt. Selbst wenn es einem also selber unangenehm ist , der Gedanke die „frohe Botschaft“ in „die Welt“ rauszutragen bleibt nunmal als eine Kernbotschaft im neuen Testament bestehen. Über die Mittel der Anwendung lässt sich in der Tat streiten. Ich muss jemanden nich den ganzen Tag zulabern um ihn auf Gott hinzuweisen, Ich muss mir im Klaren sein dass Gott sowieso das ganze alleine macht und ich selber keine Leute „bekehren“ kann. Jesus war ganz deutlich an was man uns erkennen soll: an unserer Liebe, und zwar nich als Gefühlsdusselei sondern als aktive Handlung im Alltag, logischerweise ohne zu verurteilen.
    Wie also lebst du deinen Glauben heute? Müsste der Druck nicht geringer werden wenn du dich ganz auf den „Felsen“ aufbaust und nicht auf die Gemeinschaft der Glaubenden? Und wieso fällt es dir dann so schwer den Weg mit Jesus zu gehen, auch unangenehme Sachen die er gesagt hat zu akzeptieren? Wieso, wenn du Jesus kennst, fällt es dir so schwer zu trauen? Zu Glauben? DU glaubst doch an ihn und nicht an die Kirche.
    LG, Julia

  6. Liebe Julia,
    vielen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar. Mir fällt es keineswegs schwer, unangenehme Sachen, die Jesus gesagt haben soll, zu akzeptieren. Mir fällt es allenfalls schwer zu akzeptieren, welche Schlüsse andere Menschen aus Stellen des Neuen und Alten Testaments leider nicht nur für sich persönlich, sondern immer wieder in unangenehm rigoroser Weise auch für das Leben anderer ziehen – natürlich nur zum Besten ihrer Mitmenschen. Seit den Urchristen ist das Christentum nichts als „Auslegungssache“. Damit hat der Apostel Paulus mit seinen Briefen munter angefangen, das haben die Kirchenväter fortgeführt wie ebenso später Reformatoren und wichtige Köpfe von freikirchlichen Bewegungen. Dagegen ist nichts einzuwenden. Wenn Menschen ihren Glauben, besser gesagt ihre Interpretation des Begriffs „Glaube“, allerdings zum Maß aller Dinge machen, führt es in der Regel zu nichts Gutem. Es ist mir zum Beispiel zuwider, dass im Namen Gottes Ärzte attackiert werden, die Frauen eine Abtreibung ermöglichen oder immer noch gegen Homosexualität mit Zitaten aus dem Alten Testament angekämpft wird.

    Das, was ich glaube, lebe ich meines Erachtens heute sehr konsequent, dazu gehört folgendes: Kein Mensch hat dass Recht, seinen Glauben – worin auch immer dieser bestehen mag – zur Richtschnur für mehr als sein eigenes Leben zu machen oder durch die Ausübung seines Glaubens andere Menschen zu beeinträchtigen. In diesem Sinne respektiere ich zutiefst Deinen Glauben und Deine persönliche Haltung.

    Dir alles Gute!

    moz

  7. […] Wir hatten es hier schon einmal ausführlicher mit meinen biographischen Untiefen, zu denen auch Jahre im Dunstkreis der Evangelischen Allianz gehören. Auch deswegen verfolge ich immer noch mit großem Interesse Themen, bei denen es um die unendliche […]

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