Archiv für Februar, 2008

Von Chan zu Chanel

Posted in High Rotation with tags , , , , , , on Februar 10, 2008 by moz

Die Geschichte von der Raupe und dem Schmetterling haben diverse Musikschreiberlinge die letzten Wochen erzählt. Da ist am Anfang, vor gut zehn Jahren, die leicht verhuschte, überschüchterne Chan Marshall, der die Haare immer so wirr ins Gesicht hängen, wenn sie auf der Bühne gegen den totalen Blackout ankämpft. Ach, wie zerbrechlich sie doch ist, wenn sie ihre brüchigen Kleinode über die eigene Depression vorträgt. Sie könnte eine ganz Große werden, raunt sich die Fachjournaille zu. Wenn, tja wenn sie nicht jedes zweite Konzert abbrechen würde, weniger tränke und auch mal musikalisch ein wenig eingängiger daher käme.

Letzteres tat Chan Marshall im Jahr 2006 sicher mit dem Album The Greatest, setzte sozusagen an zum großen Sprung – und ging dann erst mal in die Entzugsklinik, gerade noch bevor Hollywood dort in Scharen einfiel. Heute, sieh da, sieh da, trägt Chan die Haare adrett, hat den Nagellack entdeckt, wurde offensichtlich daraufhin von Karl Lagerfeld zu dessen Muse erkoren, ist Chanel-Model und überhaupt so was wie everybody’s Darling. Halleluja, Ende gut, Alles gut. Kann ein Mensch, der ein Album wie Moon Pix gemacht hat, sein Glück als Lagerfelds Muse und Generation-GAP-Ikone finden? Wait and see.

Mit Jukebox ist also das neue Album draußen, von Spex („konservative Popmusik“) bis Die Welt („Das vernachlässigte Kind musizierender Hippies“), um mal die beiden Pole abzustecken, wirklich ÜBERALL besprochen. Übrigens reden Männer besonders gerne über Chan Marshall und projiizieren munter vor sich hin und in Cat Power hinein.

Hiermit sei den endlosen Erklärungsmodellen und Besprechungen also noch eine weitere hinzugefügt:

Jukebox. Wieder alles Coversongs, macht sie ja gerne mal zwischendrin.

Der eine Teil von mir: „Ist doch auch ganz schön, wenn das Gleichgewicht offensichtlich stimmt, macht die Musik auch etwas eingängiger. Es muss ja auch nicht immer der ganz große Weltschmerz sein.“

Der andere Teil: „The Greatest war ja auch schon eine deutliche Abkehr vom alten, musikalisch sperrigen Konzept. Aber dennoch nicht so glatt. Jetzt ist alles sauber, der Blues wohl dosiert, damit er auch ja nicht weh tut beim Hören…schön, aber auch schade, irgendwie.“

Ich schwanke also noch, wo ich Jukebox einordne. Das kommt aufs nächste Album von Cat Power an. So oder so liegt jeder Song auf Jukebox noch immer jenseits der musikalischen Mittelklasse.

Und noch eine Coverversion: Cat Power hat 2006 einen Song zu einem Serge Gainsbourg-Tribute-Album beigesteuert. Im Duett mit Karen Elson (auch bekannt als britisches Supermodel und Frau von Jack White) interpretiert sie Je t’aime…. Ziemlich trashig und witzig, die Version. Karen Elson kann wirklich nicht singen, haucht und stöhnt sich aber ganz munter durch den Song.

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Sober, life is a prison

Posted in Soundtrack of my life with tags , , , , , , on Februar 5, 2008 by moz

Yepp, yepp. Der Aschermittwoch steht vor der Tür. Ich genieße gerade noch ein letztes Bier vor den nächsten pupsgesunden, stocknüchternen, extrem entgiftenden sechs Fastenwochen. Und zum Auftakt aus gegebenem Anlass eine kleine, aber bei weitem nicht einzige und einzig mögliche, Top 10 zum Thema Alkohol und seinen (schönen) Nebenwirkungen, Reihenfolge rein zufällig:

Too drunk to fuck/ Dead Kennedys
The hymn for the Alcohol/ Hefner
Big Shot/ Billy Joel
Sunday/Bloc Party
Gin Soaked Boy/ Divine Comedy
Music when the Light goes out/ Libertines
Friday night and saturday morning/ The Specials
Too drunk to dream/ The Magentic Fields
Kavallerie/ Element of Crime (man, ist der Regner fett geworden – zu viel Bier?)
Bis neun bist Du ok/ Die Sterne

Und natürlich alle Songs von den Pogues…

Die Welt ist trauriger als Ian Curtis an seinem letzten Tag

Posted in Backlist with tags , , , , , on Februar 2, 2008 by moz

So lautet die Zeile eines Songs meiner alten Freunde von der Rockformation Diskokugel. Aber sie stimmt nicht, wie der Besuch des Films Control ungefähr erahnen lässt (eine sehr treffende Rezension zum Film hatte die Zeit jüngst zu bieten).

Der Film hat ein großes Minus und ein großes Plus: Das große Minus ist die Darstellung und eventuell auch Überbewertung der Liebesgeschichte mit Annik, was auch ihrer Darstellerin und der Sätze, die sie sprechen muss, geschuldet ist. Das große Plus ist, dass ich aus dem Kino raus nach langer Zeit wieder Joy Division aus dem Regal holte. Und dann fragte ich mich sehr schnell, warum ich eigentlich so selten in den letzten Jahren Joy Division gehört hatte – außer auf Parties das unvermeidliche Love will tear us apart (nee, Leute, hier gibt es nun keinen Link, echt nicht).

Ich entdecke mit viel Spaß gerade Dinge, die mir bisher nicht aufgefallen sind: Der Einstieg von Digital klingt zum Beispiel verdammt so wie viele der Gitarren-Bass-Kombis der Violent Femmes – allen voran Blister in the sun und ein wenig auch Add it up (Ihr wisst schon: Why can’t I have just one f*). Besser gesagt: Die „Zitate“ der Violent Femmes sind schon dreist. Überhaupt: Der Bass. Joy Division muss den Bass-Spielern unter meinen Leserinnen und Lesern eigentlich Spaß machen. Peter Hook war stilbildend, finde ich. Ich hatte echt vergessen, wie gut viele Songs von Joy Division waren und sind. Zu Isolation oder She’s lost control muss ich dringend mal wieder irgendwo tanzen.

Mir fiel beim Sehen von Control ein, dass der spätere New Order Song Blue Monday – zuerst erschienen im Jahr 1983 – möglicherweise tatsächlich auch den Tod von Ian Curtis und das Gefühl der zurückgelassenen Freunde und Bandmitglieder thematisiert (denn der gute Ian bringt sich ja in einer Nacht von Sonntag auf Montag um). Ganz sicher ist Blue Monday aber der Song, in dem sich zeigte, dass es Bernard Sumner, Peter Hook und Stephen Morris gelungen war, einige Elemente von Joy Division in sich zu bewahren, aber zu einem neuen und eigenen Stil zu finden. Der spätere Niedergang von New Order bis hin zu Crap wie Krafty, darüber den Mantel des Schweigens…

By the way: Es gibt eine Dokumentation über New Order, die New Order Story. Und darin geht es natürlich auch um Joy Division. Bernard Sumner erzählt unter anderem von einer Nacht, in der Ian Curtis im Auto einen epileptischen Anfall bekam und ins Krankenhaus gebracht werden musste. Bandkollege Stephen Morris war damals total pissed – denn eigentlich hatte man sich gerade darauf geeinigt zu einer Tankestelle zu fahren, um Kippen zu kaufen… . In der Dokumentation ist außerdem ein früher Besuch der Bandmitglieder von New Order in einer TV-Sendung zu sehen. Auf die Frage des Moderators, wer das faulste Bandmitglied von New Order sei, antwortet Bernard Sumner spontan: „Ian Curtis.“ Das nenne ich englischen Humor.

Es ist übrigens eine Schande, dass Bono sich auf Ian Curtis als eines seiner großen Vorbilder beruft. Hä? Sorry, nur weil Tote sich nicht wehren können, darf man nicht alles. Und toll ist es auch, wenn Bono in der New Order-Doku Joy Division arg vereinfachend als Vorläufer der Gothic-Music bezeichnet. Richtig ist, dass im Umfeld des Post-Punk, zu dem man Joy Divison wohl zählen darf, auch Elemente des Gothic Rock entstanden. Aber genauso gut kann man auch sagen, dass Joy Divison Vorläufer der Industrial-Music waren. Gut, solange Bono nicht behauptet, von Joy Division führe der musikalische Weg zwangsläufig direkt zu U2, bin ich ja schon froh. Nichts für ungut, Bono, aber das wäre dann wie mit dem Punk und den Toten Hosen… .

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