Labour for the masses

Als Madonna permanent gewinnbringend das Subjekt/Objekt/Subjekt Madonna neu erfinden zu müssen, ist sicher hard labour. Die Frau ist zwar ursprünglich Katholikin, aber die Calvinisten haben sicher ihre Freude am Arbeitsethos der US-Amerikanerin. Madonna hat sich verpflichtet, die nächsten Jahre mittels der einen oder anderen Welttournee den Rubel rollen zu lassen. Als ich am Donnerstag im Berliner Konzert der Sticky&Sweet-Tour saß, tat mir die Dame kurz ein kleines wenig leid: Hätte sie den Deal doch schon Mitte der 90iger unterzeichnet. Dann wäre sie mit der Hamsterradnummer Massenbefriedigung jetzt schon durch. Jetzt heißt es Durchhalten und immer genug Aufmerksamkeit mit dem jeweiligen aktuellen Album, Hit oder wenigstens Skandal zu erzeugen, auf dass die Massen strömen.

Dickes M über Berlin

Dickes M über Berlin

Hard labour wie gesagt. Da macht der durchgestählte Körper schon Sinn. Ist zwar der einer Frau, aber Ernst Jünger hätte an dieser konsequenten Selbstmaschinisierung sicher seine Freude gehabt. Wobei sie als Arbeiterin allerdings stärker dem Kult ihres eigenen Individuums frönt als von Jünger eventuell vorgesehen. Sie als Königin unter den Arbeitsdrohnen tanzt, kriecht und wirbelt sich durch ein ganz genau durchgetimtes Showprogramm. Eine Inszenierung, kein Konzert. Ab und an mit einer gehörigen Portion Ironie. Mit Anspielung eben darauf, dass sie zuletzt ja eigentlich hauptsächlich als durchtrainierter, gut geölter Hochleistungsbody wahrgenommen wird, präsentiert sie sich bei einer Showeinlage dann auch prompt als Körper der am Boden liegt und von Männern gewaltsam in Position gezerrt wird, dann langsam, wie eine zuckende Maschine, kommt Madonna wieder zum Laufen, legt noch eine Schippe drauf. Maschine? Na, und? Cooler als Du auf der Tribüne bin ich bis zum finalen Kurzschluss allemal. Hut ab.

Und sonst? Die Inszenierung in mehreren Akten wusste überwiegend zu unterhalten. Madonna dekonstruiert und rekonstruiert nicht nur ihren Körper, sondern auch erfrischend hemmungslos sämtliches Songmaterial. Das bringt einen in den Genuss von ganz eigenen Interpretationen alter Gassenhauer wie Borderline oder Into the Groove, macht aber auch vor jüngeren Werken wie Hung up nicht halt.

Schön auch die Reise durch 25 Jahre Subjekt/Objekt/Subjekt Madonna im Showgeschäft. Während im Hintergrund auf Großbildleinwänden in wilden Schnitten die 80 Gesichter und Körper der Madonna Revue passieren, postuliert Madonna im Vordergrund auf der Bühne trotzig She’s not me und reißt einigen ihrer vergangenen Manifestationen der letzten Jahre gleich mal die Insignien vom Leib. Alles nicht die echte Madonna.

Dennoch: The Show must go on. Aber eine Pop-Queen dieses Kalibers möchte nicht nur unterhalten, sondern auch ein kleines wenig die Welt bewegen. Die angeblich so skandalöse Videoinstallation, in der McCain auf der Seite der Bösen mit dem einen oder anderen Diktator vermengt wird und auf der „guten Seite“ neben Obama noch Bono, Michael Moore und Bob Geldof als positive Antagonisten stehen, macht doch eher Lachen. Das meint sie nicht ernst, oder? Und like a prayer war mir als aufmüpfiger Widerstand gegen die allzustrenge religiöse Herkunft auch noch lieber als jetzt als allgemeinversöhnlicher, kabbalistisch angehauchter Gotteshymnus. Klopstock im 21. Jahrhundert, oder was?

Was auch auffällt: Früher erkannte Madonna Trends vor allen anderen, heute lebt sie davon, auf den schon überfetten Trend in Form von Timbaland, Pharell und Justin Timberlake aufzuspringen. Das ist auch deutlich in jenem Akt der Inszenierung zu erkennen, in dem sie alte Hispanic Hits (dieses Community nahm sie als us-amerikanischer Künstler sehr früh ernst) auf Balkan-Pop zu tunen versuchte – wie zum Beispiel La Isla Bonita. Das war sehr brav und klischeebeladen. DJ Shantel macht ihr das feister und dreckiger. Die ganze Migrationsnummer in diesem Teil war arge Folklore, Honey. Ganz kurz klang es mal so, als würde es aus dem Hispanic-Zinagari-Mix direkt in Country übergehen. Aber da hatte ich mich nur getäuscht. Schade eigentlich.

Was bleibt: Es ist für sie harte, aber für uns als Zuschauer durchaus unterhaltsame Arbeit, Madonna dabei zuzusehen, wie sie den Pop-Olymp eisern für sich postuliert. Madonna hält sich auch deswegen noch auf dem Thron, weil gegenwärtig keine der jungen Hofdamen einen derartigen dauerhaften Biss, eine derartigen Geschäftssinn, einen derartigen bisherigen Riecher für alle Trends und vor allem einen derartigen Intellekt mitbringt. Weder Gwen, noch Christina, noch Britney, noch Pink. Aber für Madonna wird es anstrengend sein, immer noch eine Schippe an Neuem, Anderem oder schlicht Skandalösem draufzulegen. Könnte sie besser singen und ginge es wirklich um die Substanz ihrer Musik, könnte sie zur Abwechslung mal eine kleine, feine reduzierte Clubtour einstreuen. So aber heißt es für Madonna in den nächsten Jahren: „Die Arbeit, die in Bezug auf den Menschen als Lebensart, in Bezug auf seine Wirksamkeit als Prinzip angesprochen werden kann, erscheint in Bezug auf die Formen als Stil.“

Wer noch weitere Meinungen zum Konzert lesen möchte: Michael Pilz meint die Zukunft des Popkonzerts gesehen zu haben, Dirk Peitz sieht eher das Ende des Stadion-Entertainments gekommen. Feiner Bericht, der seine, der auch den Rausschmeißer „God save the Queen“ der Sex Pistols nicht unerwähnt lässt.

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