Me, Myself Moz And Eretz Israel III

Moi Moz am Tag 3 in Eretz Israel:

Es ist frappierend, wie schnell man sich an Dinge gewöhnt, sie sogar lieb gewinnt. Zum Sonnenuntergang sitze ich auf meinen kleinen Balkon. Über die Dächer der Altstadt blicke ich vom Lutheran Hospice (ja, die gibt es hier auch) direkt via lutherische Erlöserkirche (wie gesagt) zur Grabeskirche. Wende ich den Kopf nach rechts, sehe ich die goldene Kuppel des Felsendoms in der Abendsonne leuchten. In der Hand habe ich ein Maccabi-Bier. Perfect. Almost. Denn etwas fehlt.

Ich blicke unruhig links rüber auf die große Turmuhr des Salvatorklosters (Franziskaner). 19:30 Uhr. Den Mittag und Nachmittag habe ich es ja ohnehin schon verpasst, da in Yad Vashem und Israel Museum abgetaucht und gerade erst zurück. Auch die Runde nach Sonnenuntergang ist wohl längst durch. Wann kommt der nächste Adhan, der nächste Ruf zum Gebet? Ich bin erst zwei Tage hier, aber schon muezzinabhängig. Meine Unterkunft liegt zwar im christlichen Vietel, aber dennoch ist gleich bei mir um die Ecke eine kleine Moschee. Kurz bevor der Muezzin dort loslegt, höre ich schon das Knacken des Lautsprechers. Und dann dauert es auch nicht lange, bis vor allem aus dem arabischen Viertel der Altstadt, aber auch aus Ostjerusalem, weitere Muezzine zu hören sind. Natürlich verstehe ich außer „Allahu akbar“ nichts. Aber das muss ich auch nicht wirklich. Ich höre einfach gerne zu. Der Tag erhält durch jene fünf Rufe zum Gebet seine ganz eigene Struktur. Und die Stimmen der Muezzine, die Melodie, die in ihren Rufen liegt, macht mich ruhig. Jetzt sitze ich also auf meinem Balkon und habe sowas wie einen Muezzinturkey. Wie soll ich denn da gleich schlafen gehen?

20:30. Immer noch kein Knacken, immer noch kein erster heiserer Ruf. Was sich wie so vieles meiner Kenntnis entzieht ist, ob es ein festes Muster gibt, nach dem die Muezzine einsetzen. Wer fängt an? Zeitgleich ist es nicht. Sie sind leicht versetzt. Macht das jeder Muezzin frei, in einem bestimmten Zeitfenster, das er hat? Rotieren die? Mal fängt der Muezzin meiner Moschee an, mal einer weiter drüben im arabischen Viertel? Wie wird man Muezzin? Kommt da einer und sagt ‚Oh, Du hast aber eine schöne Stimme.‘ und dann ab dafür? Gibt es Stars unter den Muezzinen? Würde also ein arabischer Zuhörer eine geschmäcklerische Meinung zu den einzelnen Gebetsrufern und ihrer Performance haben? Oder verbietet sich das, weil es eben der Adhan, der Ruf zum Gebet ist? Mein Muezzin um die Ecke hat so seine Höhen und Tiefen. Etwas weiter entfernt im  arabischen Viertel ist einer, dessen Stimme mir besser gefällt.

21:00 Uhr. Ich wage es nicht, im Bad Zähne zu putzen. Ich könnte ja das Knacken und das folgende erste „Allahu akbar“ verpassen. Stattdessen hänge ich weiteren Muezzinfragen nach und verharre ungeduldig in die Dunkelheit horchend auf dem Balkon. Am ersten Morgen habe ich noch den Ruf zum frühen Gebet mitbekommen. Heute früh schon nicht mehr. Wie schnell wird der Gebetsruf zu einem Geräusch wie das morgendliche Glockenläuten oder die S-Bahn in Berlin, die ich schon gar nicht mehr höre, obwohl ich sie doch höre?

21:17 Uhr. Es knackt. Endlich. Ich lehne mich entspannt zurück und folge dem Ruf zum Gebet. Zwei Durchgänge. Und dann kann ich endlich beruhigt schlafen gehen.

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2 Antworten to “Me, Myself Moz And Eretz Israel III”

  1. Klasse Reise-Berichterstattung!!

  2. Vielen Dank für die Blumen!

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