Me, Myself Moz And Eretz Israel IV

An Tag 4 stellvertretend eine von vielen skurrilen Begegnungen:

In einem Cafè in der Ben Yehuda-Fußgängerzone lerne ich Ephraim kennen, der natürlich in Wirklichkeit ganz anders heißt. Eigentlich bin ich inzwischen immun gegen Anlabersprüche Marke „Are you from Germany?“, „Where are you from?“ oder „You’ve got beautiful eyes.“. Aber Ephraim verknüpft sein „Are you from Germany?“ mit dem Zusatz „I was there recently. In MR. Lovely city!“ und trifft damit unverhofft ins Schwarze. Denn es interessiert mich natürlich sofort brennend, was Ephraim in meine mittelhessische Heimatstadt getrieben haben mag. Wenns mir zu blöd wird, steige ich halt auf, aus und gehe.

Mit Ephraim zu plaudern, macht zu 3/4 viel Spaß. Ephraim stammt aus einer ultraorthodoxen Familie. Sein Bruder ist Rabbiner. Er selbst lebt eigentlich seit Jahren in den Niederlanden. Wie es seine Eltern befürchtet haben, ist er vom Studium nicht wieder heimgekehrt. Doch mir im Gespräch nicht ganz klar werdende Familienangelegenheiten haben Ephraim eher wider Willen für einige Monate in den Schoß der Familie in Mea She’arim zurückgezogen.

Es begab sich aber zu jener Zeit, dass eine ultraorthodoxe christliche Reisegruppe aus Hessen sich ins ultraorthodoxe jüdische Viertel verirrte und dort recht verloren rumstand. Orthodox zu orthodox gesellte sich in diesem Fall gern: Die Reisenden Jesu verbrachten einen Abend mit dem Rabbi und seiner Familie. Wo der Rabbi mit seinem Englisch am Ende war, setzte Ephraim mit seinem Englisch und „ein bisserl Deutsch“ ein. Die Ultrachristen aus MR luden den ultraorthodoxen Rabbi samt Bruder zum Gegenbesuch nach Hessen ein.

Und so verschlug es Ephraim ins malerische MR. Er schwärmt und schwärmt. Von der Landschaft. Von der tollen Altstadt, der Burg, dem Fluss. Wie ein Paradies sei ihm MR vorgekommen. Und erst die Menschen! „So religious! So nice!“ Ich versuche Ephraim beizubiegen, dass nicht alle Bewohnerinnen und Bewohner jener mittelhessischen Stadt derart christlich drauf sind. Zum Glück. Ich kann mir aber sehr gut denken, wo er wahrscheinlich gelandet ist: Entweder bei den 7-Tagesadventisten oder bei den Evangelikalen der Berge Hebron/Tabor. Meine Güte, das eigene Schtetl samt der eigenen Biografie holt einen noch im hintersten Winkel der Erde ein.

Egal, Ephraim, der sich selbst als schwarzes Schaf der Familie bezeichnet, ist schon eine Ecke weiter: Sternzeichen. Oha, er muss echt ein schwarzes Schaf sein, denn der Glaube an die Wirkung von Gestirnen scheint mir mit dem Tanach nicht so recht vereinbar. Aber ich bin da ja auch Laie, nicht wahr? Ich erfahre, dass ich unmöglich das Sternzeichen sein kann, dass ich aber laut Geburtsdatum doch nun mal bin. Mein Charakter passe nicht. Aha. Ich frage vielleicht lieber noch mal meine Eltern? Oder ich ändere meinen Charakter? Sorry, in diesem Leben nicht mehr. Nur 24 Stunden später wird mir übrigens ein ultraorthodoxer Jude anhand der Linien in meiner Hand tiefe innere Ruhe, aber auch Müdigkeit bescheinigen. Ich lerne viel über mich in diesen Tagen.

Sehr lustig ist auch, wie Ephraim über Holländer herzieht. Aber das lasse ich hier lieber, das ist schon ein arg hartes Urteil, das er da fällt. Andererseits: Er lebt dort seit fast 20 Jahren. Wie will ich ihm da widersprechen, die ich gerade einmal in Renesse war und Niederländer sonst nur vom Fußball oder Skifahren (beides mal no-goes) kenne.

Ephraims nervige 1/4 laden mich immer wieder in sein Apartment ein. Als sich der Anteil von 3/4 interessant und lustig zu 1/4 nervig und ölig langsam aber sicher ins Gegenteil verkehrt, mache ich die Biege. Ephraim, das hedonistische Leben in Tel Aviv wartet. Tschö mit Ö. Ich nehme die Erkenntnis mit, dass Ephraims Familie noch eine Menge Arbeit vor sich haben wird, wenn sie das schwarze Schaf, den verlorenen Sohn, wieder zur ernsthaften Mitarbeit an der Erfüllung aller 613 Gesetze des Talmud bringen will. Masel tov dafür!

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