Me, Myself Moz And Eretz Israel VI

Da isser schon, der Tag 6, Toda raba fürs Lesen!:

Morgenmokka in Café Ben Yehuda Ecke Frishman. Nach 45 Minuten Joggen auf der Strandpromenade genieße ich es, einfach nur still zu sitzen und feine Wasserperlen auf meiner Haut zu spüren, die ein geschickt drapierter Ventilator auf die Gäste stäubt. Geschwitzt wird trotzdem. Es ist erst 9:00Uhr, aber schon auf dem Weg zum feuchtfröhlichen Backofen.

Aus den Augenwinkeln sehe ich einen bedauernswerten Labrador auf mich zuschleichen. Direkt zu meinen Füßen beschließt er, den weiteren Spaziergang auszusetzen und eine Schale Wasser einzufordern, indem er einfach zu Boden sinkt. Sein Herrchen hat ein Einsehen und endet bei mir am Tisch. Wir versorgen gemeinsam den armen „Ace“, der wirklich arg angeschlagen ist in der Hitze. Das Labradorherrchen hört auf den Namen Shai und verplaudert sich während der Rekonvaleszenz seines wackeren Vierbeiners gerne mit mir. Shai liebt sein Tel Aviv. Er ist mit 18 Jahren aus Jerusalem in die Stadt gekommen und verdient inzwischen sein Geld im Technologiebereich. Auch Shai berichtet mir sehr schnell von den derzeitigen sozialen Protesten in Israel. Auf dem Rothschildboulevard solle ich unbedingt vorbei schauen. Dort hätten die Protestler eine riesige Allee aus Zelten errichtet. Begonnen habe alles mit einer Frau, die sich gegen die exorbitante Mieterhöhung im Zuge einer klassischen Gentrifizierung ihres Viertel gewehrt habe. Inzwischen jedoch gehe es um weit mehr als „nur“ Mieten: Lebensmittelpreise, Kosten für Kindergartenplätze, Unwuchten im Gesundheitswesen, Korruption in der Wirtschaft, Filz in der Politik und so weiter und so fort. Shai ist in Rage. Israel gebe viel zu viel Geld fürs Militär aus, das müsse ein Ende haben, nein, wirklich. Das Land wache endlich auf und wehre sich gegen die ungerechte Sozialpolitik. Israel habe doch seine jungen Staatswurzeln in einer gemeinschaftlichen, sozialeren Vision, die gelte es wiederzubeleben. Wenn ultraorthodoxe Siedler in besetzten Gebieten Siedlungen gründeten, ginge das ja offensichtlich. Aber Baugenehmigungen und staatlich geförderter sozialer Wohnungsbau im Rest des Landes? „Sie haben jahrelang viel zu wenig gemacht!“ Jetzt komme zwar ein neues Gesetz, das den Bau von Wohnungen erleichtern solle. Aber Shai argwöhnt, dass dieses Gesetz vor allem große Wohnungen für Besserverdiener begünstige. Die aber könne sich die Mittelschicht nicht leisten. Wieder einmal. „Wir erleben die Erosion der Mittelschicht, weltweit, nicht nur in Israel.“

Da Ace sich Zeit lässt, mit dem wieder zu Kräften kommen, nehmen Shai und ich gleich noch ein wenig die weltweite Energiefrage ins Visier und blicken gemeinsam sorgevoll auf die Schuldenkrise in den USA. Als Ace schließlich halberlei wieder laufen kann, bricht Shai auf. Er will heute noch zu seiner Familie nach Jerusalem. Wir vertagen uns auf einen weiteren politischen Morgenkaffee bei einem nächsten zufälligen Treffen. Dann vielleicht in Berlin?

Einige Stunden später löse ich mein Versprechen ein: Das Protestzeltlager am Rothschildboulevard ist eine beeindruckende Sache. In der Abenddämmerung sammelt man sich zum lockeren Protestzug, der mehr und mehr anschwillt. Später werde ich in den Nachrichten sehen, dass alleine in Tel Aviv 70.000 Menschen unterwegs waren. Aber auch in Jerusalem wurde demonstriert. Shai war sicher dabei.

Eine Woche später, am 6. August 2011 sind allein in Tel Aviv 250.000 Demonstranten unterwegs. Im ganzen Land sollen es 300.000 gewesen sein. Bei insgesamt gut 7.5 Millionen Einwohnern ist das ein beachtlicher Schnitt. Be hazlacha, Israel!

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