Ode an die Smiths – Part 13 (Ask Me, Ask Me, Ask Me)

Das Thema Schüchternheit und ihre Folgen (siehe dazu auch Ode an die Smiths 12) ist fester Topos Morrisseys zu Zeiten der Smiths. Seit dem Erscheinen von Ask im Jahr 1986 fleht er „ask me, I won’t say no, how could I?“ stellvertretend für Legionen von Menschen, die mit jenem physischem wie psychischem Phänomen in all ihre Facetten und Abstufungen aus eigener Erfahrung vertraut sind.

Morrissey spielt bei der Beschreibung des Schüchternheitsdilemmas geschickt mit den Zuweisungsebenen:

Shyness is nice, and
Shyness can stop you
From doing all the things in life
You’d like to

Das kann man durchaus noch als allgemeine Aussage im Sinne einer Diagnose wie „Schnupfen kann eine laufende Nase bescheren“ verstehen. Doch diese Perspektive kippt innerhalb der folgenden wenigen Zeilen gleich in mehrfacher Hinsicht:

So, if there’s something you’d like to try
If there’s something you’d like to try
ASK ME – I WON’T SAY „NO“ – HOW COULD I?

Deutlich wird zum einen, dass Morrissey ein spezifisches (fiktives oder reales) Du adressiert, nicht unpersönlich spricht. Das Problem wird zugewiesen – und zwar dem Gegenüber, jenem Du, dem ein scheinbar problematischer Grad an Schüchternheit attestiert wird. Gleichzeitig aber entlarven eben jene Worte, die endgültig eine persönliche Ansprache signalisieren, Morrissey als denjenigen welchen, der seinerseits offensichtlich noch viel weniger in der Lage ist, die Initiative zu ergreifen und seine passive, wartende Haltung zu überwinden. Das kulminiert dann später noch in dem deutlicheren ask me, ask me, ask me – das singende Ich kann deutlicher fordern und sprechen als es das Ich dahinter offensichtlich in realiter vermag.

Trefflich sinnieren kann man über den Sinn der späteren Rausschmeißerzeilen:

If it’s not love, then it’s the bomb that will bring us together

die sich geschickt mit dem ask me, ask me, ask me vermengen. Meine persönliche Lesart bzw. Übersetzung ist: Wenn sowas wie Liebe nicht reicht, dass wir unseren Arsch hochkriegen, schafft das vielleicht nur ein noch größerer, noch disruptiverer und gewaltsamerer Eingriff in unserer Leben als es jener grob mit „love“ umrissener Gefühlszustand ohnehin ja schon ist, wenn man es recht besieht.

Und weil Morrissey gerne noch einen Gedanken reinpacken will in den aufgemachten Komplex, konfrontiert er uns mit einer interessanten Differenzierung

Nature is a language, can’t you read?

Wohl gemerkt: Nicht die Sprache der Natur, sondern Natur, Wesen, Art IST Sprache. Die Liveversion vom Album Rank variiert

Nature is a language, can’t you read it?
Nature is a language, can anybody read it?

Clever indeed, der Steven Patrick Morrissey. Und kein Wunder, dass Ask (1986) von den Smiths im Soundtrack meines Lebens ganz weit oben rangiert.

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