Generation Walkman

Mein im örtlichen Bachchor singender Klassenlehrer hasste ihn abgrundtief. Der „Gehmann“, wie er als Englischlehrer zum Walkman abfällig sagte, schien in seinen düsteren Darstellungen der Anfang vom Ende der Zivilisation, des „Alten Europa“. Insbesondere, wenn man darin irgendetwas anderes als Bach-Kantaten hörte. Simon and Garfunkel ging vielleicht auch noch. Aber dann war Schluss mit Lustig. Folgte man meinen Klassenlehrer in seine Hirnwindungen, dann war der Walkman das Äquivalent zum  Big Mac. Konsumdreck. Ex und Hopp.

Mein erster Walkman war crap. Ich hatte ihn mir zum Geburtstag oder Weihnachten gewünscht. Und wie so häufig, wenn ein Wunsch aus dem Elektronikgadgetbereich selbst mit genauesten Modellnamen und Kauftipps in unterschiedlichen Preisklassen verbunden an meine Eltern ging, wählten diese eigenmächtig irgendein Modell von Universum aus dem örtlichen Quelleshop. Das Teil leierte, klang grauselig, schnell klemmten die Knöpfe und ich wusste bereits mit 12 Jahren, dass es mit Quelle kein gutes Ende nehmen konnte angesichts solcher Eigenmarkengrütze.

Mit eine der ersten Anschaffungen von meinen Konfirmandengehalt war folglich ein WALKMAN. It’s a SONY, baby! Was sonst? Und zwar ein leichtes Gerät mit fancy Aluminiumgehäuse aus der DD-Reihe. Nur ein SONY-Walkman durfte sich wirklich Walkman nennen. Der Rest konnte getrost „Gehmännchen“ geschimpft werden. Damals war SONY für mich die coolste Marke der Welt. Die konnten einfach nichts falsch machen. Eine gewisse Zeit war mein Traum-Tattoo die Bildmarke von SONY. Nur die Punkte auf den Arm.

Diese tiefe Zuneigung resultierte sicher nicht unwesentlich aus dem Umstand, das mir mein Walkman als treuer Begleiter immer und überall Zugang zur Lebensquelle Musik verschaffte. Nur die Batterie setzte ein Limit. Und die Länge der Kassette. Mein Walkman hatte sogar eine Reverse-Funktion, so dass ich die Kassette nicht mehr rausnehmen musste. Mal hüllte ich mich in Watte, mal in blickdichtes Glas, dann waren es rosa Wolken, mitunter Stacheldraht oder dicke Stahlwände. Dank Walkman war ich safe, konnte mich zurückziehen auch an Orten, an denen bis dahin an Rückzug nicht zu denken war. Der Walkman war in keinster Weise das Äquivalent zum Big Mac, den man in drei Zügen verschlang. Mein SONY ermöglichte es mir, in Musik einzutauchen. Durch Straßen laufen und immer wieder das neue Album von The Cure hören. Oft blieb eine Kassette über Tage in der Endlosschleife im Gerät kleben. Bei den Anfangstakten von Sunday Bloody Sunday sehe ich mich heute noch mit dem Walkman auf den Ohren eine ganz bestimmte Straße meiner Heimatstadt entlanggehen, in den Händen zwei Stifte aus dem Federmäppchen, mit denen ich das Schlagzeug mitspiele. Der Walkman intensivierte meine Beschäftigung mit Musik, er vermengte das Gehörte mit anderen Sinneseindrücken, schuf immer wieder neue Bezugssysteme. Ich war und bin SONY unendlich dankbar, dass sie das Potenzial einer fremden Erfinderidee erkannten und 1979 den Walkman zu den Menschen brachten.

Warum ich das schreibe? DF strahlt heute das Radiofeature „Music To Go“ aus, das sich der Geschichte des Walkman nähert. Vielleicht will jemand von Euch ja auch auf Zeitreise gehen, im Geiste den eigenen Walkman aufsetzen – und Bachs Wohltemperiertem Klavier lauschen … . Oder lasst mich wissen, was auf Eurer Walkmanhitliste war.

 

 

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