Archiv für Mai, 2015

Labas, Marokko – Spaghetti al Hammam

Posted in Off Record with tags , , on Mai 19, 2015 by moz

Der schwere Kunststoffvorhang erinnert mich stark an solche, die in Schlachthöfen oder Kühlhäusern als Raumtrenner in offenen Türen fungieren. Dahinter wird es nicht heimeliger.  Ein kahler Kubus, bis an die Decke gekachelt. Ganz weit oben befinden sich kleine Fenster. Die Fliesen am Boden sind gesprungen. Aus den grauen Wänden ragen einige Wasserhähne. Mehr ist nicht. So stelle ich mir die Duschräume in einer Doku über russische Frauengefängnisse vor. Maximal runter gerockt. Hammam kenne ich von zuhause anders.

Unser Ausflug ins örtliche Frauenhammam hat eben schon denkwürdig begonnen. Im kargen Vorraum von einer fülligen älteren Dame in Empfang genommen, bekamen wir zunächst in einer Mischung aus Gestisch, Arabisch und Französisch bedeutet, wo wir unsere Anziehsachen ablegen können. Folgsam entkleidet griff ich zum großen Handtuch. „Non!“ Unsere Aufseherin verwehrte uns den Weg ins Allerheiligste. Diese Europäerinnen! Wie kommen die nur auf die Idee, ihre Unterhosen auszuziehen? Die bleiben an! Das hätten wir uns nach all den Tagen in Marokko eigentlich denken können, dass auch im Hammam nicht plötzlich alle Hüllen fallen. Schlüpfer eilig wieder an.

Nun stehen wir also etwas verlassen im Allerheiligsten, samt Unterhosen am Leib und schwarzen Plastikeimer in der Hand.  Zwei Augenpaare mustern uns unverhohlen neugierig. Die beiden dazugehörige jungen Frauen in einer der Ecken sind eindeutig besser ausgestattet als wir. Sie haben kleine Plastikschemel mitgebracht, auf denen sie nun thronen, umgeben von ihrer gesamten, äußerst vielteiligen Beautyausrüstung und sicher zehn Eimern gefüllt mit Wasser. Wir hingegen haben nur Shampoo dabei und nicht mal daran gedacht uns diese braune Schrubbelpaste für die Haut zu kaufen.

Wir schaufeln uns gerade Wasser über die staubigen Körper, als plötzlich unsere Aufseherin wieder neben uns steht. Sie ist nun wie wir nackt bis auf die Unterhose. Mit einer kurzen Handbewegung befiehlt sie, dass wir uns hinhocken. Widerstand zwecklos, das sieht man ihrem entschlossenen Gesichtsausdruck an. Wir werden ihr Hammam nicht verlassen, ohne zu wissen, was es in Sidi Ifni heißt, ein Hammam für Frauen zu besuchen! Staunend beobachte ich die nächsten Minuten, wie meine Freundin nach allen Regeln der Kunst hammamisiert wird. Unsere Aufseherin klemmt sie kurzerhand zwischen Beinen, Armen und ihrem voluminösen Oberkörper fest und legt los. Flugs verteilt sie eine braune Paste sorgfältig überall auf der Haut – außer beim Schlüpper, versteht sich. Dann kommt ein Rubbelhandschuh zum Einsatz. Verzückt blickt unsere Hammamaufseherin auf die ersten schmalen Würste: „Spaghetti!“

Auf eine Spaghetti folgen etliche mehr. Mir bleibt keine Zeit zur Kontemplation darüber, wie lange es wohl dauert, bis meine Freundin keine Haut mehr hat. Denn schon werde ich zum Wasser holen beordert. Die Spaghetti spült es hinfort, meine Freundin sieht nun überall sehr rosig aus. Die Procedur wiederholt sich mit mir als Rubbelobjekt. Ich muss sagen, die Frau hat den Bogen raus. Sie rubbelt und schrubbelt genau so, dass es nicht schmerzt, aber dennoch ordentlich Wumms hat. Kann man sich dran gewöhnen. Auch unter meinen Spaghetti kommt zarte Haut zum Vorschein, frisch und rein. Aber das reicht der Hammamaufseherin noch nicht. Es geht uns noch mit Seife zuleibe. Wäre doch gelacht, wenn man die zwei deutschen Mädels hier nicht mal richtig sauber und wohlriechend hinbekommen würde! Zum Schluss müssen wir uns hinstellen. Eimer für Eimer ergießt sich über uns. Die Aufseherin deutet auf meine Unterhose. Aufhalten? Ok. Eine ganze Ladung in die offene Büx. Erst jetzt ist das Werk vollbracht. Frau Spaghetti nickt zufrieden und zieht von dannen.

Rotgesichtig und beseelt landen wir wieder im Umkleidebereich. Irgendwie bewerkstelligen wir es, uns würdevoll aus unseren nassen Unterhosen zu schälen. Zum Abschied richtet mir die Hammamaufseherin liebevoll mein Kopftuch über dem nassen Haar. Verkühl Dich nicht, mein Kind! Dann gibts eine Umarmung und wir werden entlassen, steigen Stufe für Stufe aus ihrer Welt der Spaghetti zurück, in den Staub von Sidi Ifni.

Labas, Marokko – Die Kekse der Fatima

Posted in Off Record on Mai 12, 2015 by moz

Mit Menschen in Marokko in Kontakt zu kommen ist nicht schwer. Stop. Korrektur: Mit Männern in Marokko in Kontakt zu kommen ist nicht schwer. In über zwei Wochen unseres Aufenthaltes sind wir – ausgenommen von zwei Bettlerinnen in Sidi Ifni – nicht aktiv von Frauen angesprochen worden. Dafür ungefähr zwölf Trillionen mal von Männern, Jungmännern und Jüngelchen. Viele Frauen mustern uns, wie auch die Männer. Aber keine von ihnen ruft „Ça va?“, „Salam!“ oder versucht ins Gespräch zu kommen.

Männer dominieren das Straßenbild. Männer bevölkern die Cafés. Sie beherrschen die Plätze und Ecken. Der öffentliche Raum ist nicht frauenfrei. Frauen sind auch unterwegs. Aber ihnen ist anzumerken, das sie dies mit der Berechtigung einer konkreten Mission sind, die sie auf die Straße bringt. Männer sind einfach selbverständlich da. Männer dominieren auch den Handel. In den Gassen der Medinas und auf Souks verkaufen sie in der Regel die Waren. Eine Ausnahme bilden Bäckereien und Konditoreien. Wir suchen viele Patissierien heim und treffen dort sehr häufg auf Frauen hinter der Ladentheke.

Mit der Zeit nervt mich die männliche Dominanz. Natürlich werden wir gemustert, weil wir augenscheinlich aus dem Ausland sind. Doch es ist mehr. Wir werden als Frauen aus dem Ausland gemustert, die sich durch eine männlich geprägte Welt mitsamt ihrer Regeln von und für Männern bewegen. Wir brechen qua Präsenz die Muster. Wie gerne würde ich mich mal in ein Café setzen, in dem am Nachbartisch ganz selbverständlich ein paar marokkanische Frauen Tee trinken und laut plaudern. Es gibt solche Cafés möglicherweise, wir finden sie nur nicht.

Nach einiger Zeit gehen wir dazu über, selbst aktiv Frauen anzusprechen. Zum Beispiel, wenn wir den Weg zu einer Bushaltestelle suchen, halten wir Ausschau nach einer Frau. So auch in der Mittagshitze von Tiznit. Die junge Frau lächelt uns freundlich an und dechiffriert geduldig unsere holprige französische Wegesfrage. Sie deutet uns den Weg. Ach, sie geht ohnehin in die Richtung, wir sollen einfach mitkommen. Verdorben von vielen kleinen Reiserfahrungen suchen wir insgeheim den Haken, während wir mit tapern. Aber Meter für Meter lernen wir: Fatima möchte sich wirklich einfach nur unterhalten. Sie hat viele Fragen, die ihr durch den Kopf gehen. Wie lebt es sich in Deutschland? Wo leben wir? Sind die Mieten teuer in Berlin? Was arbeiten wir? Ist es schwer, Arbeit zu finden? Wie viel verdienen Architekten? Sie hat gerade einen Marokkaner im Netz kennen gelernt, der in Deutschland lebt und als Architekt arbeitet. Sie interessiert wohl, ob seine Berichte und Angaben zutreffen. Was ist schwer in Deutschland? Gute Frage, Fatima!

Eigentlich sind wir an der Bushaltestelle angekommen. Aber bis zu unserem Bus ist noch Zeit. Fatima arbeitet, welch Überraschung, in einer Patissierie in der Nähe. Wir begleiten sie auf einen Kaffee. Weiter und weiter sprudeln auf dem Weg dahin ihre Fragen. Wie ist es um den Islam in Deutschland bestellt? Gibt es Vorurteile? Finden Ausländer gut Arbeit? Es ärgert mich unendlich, dass mein Französisch so schlecht ist und nur basale Antworten ermöglicht. Als wir schließlich zum Bus aufbrechen, drückt uns Fatima eine Packung mit Keksen in die Hand und küsst und herzt uns auf marokkanische Art wie alte Bekannte. Wir sind gerührt.

Die Kekese der Fatima – Soulfood im wahrsten Sinne des Wortes.

Labas, Marokko! – Traktor, Traktor an der Wand

Posted in Off Record with tags on Mai 10, 2015 by moz

Zuerst begegnet uns der Wandschmuck in der Medina von Marokko. Auf einer der beige-braunen Hauswände prangt eine Art Tabelle mit mindestens sechs, meistens mehr Spalten. Jeder Spaltenzahl ist ein mittels Schablone eingespraytes Symbol zugeordnet. Ein Traktor, ein Pferd, eine Öllampe, eine Waage kehren immer wieder. Mitunter ist eine Spalte leer oder es lassen sich in ihr die vergilbten Überreste eines eingeklebten Plakates erahnen. Das Rästel begleitet uns durchs Land. Während die Graffitis der Ultras Crazy Boys Marrakesch naturgemäß jenseits von Marrakesch deutlich weniger werden, begegnet uns auch in hinterlegeneren Städtchen und Dörfern an vielen Wänden die Tabelle.

 

ÖLlampe an der Wand - was willst Du uns sagen?

Öllampe an der Wand – was willst Du uns sagen?

 

Über zwei Wochen stelle ich die steilsten Thesen auf. Noch in Marrakesch vermute ich, dass es die Symbole von Stadtteilen sind. Vielleicht gibts wie in Siena oder Florenz eine große Rivalität, die sich wie dort auch auf den Hauswänden austobt? Nachdem ich aber auch in Zagora und Taroudant auf die Spalten samt der vertrauten Symbole stoße, ist die Stadtteilthese Geschichte. Kurz überlege ich, ob die Tabelle ein Plan ist, der zum Beispiel anzeigt, in welcher Woche wo welcher der Müll abgholt wird. Ja, nee, ist klar. Nächste These. Stehen die verschiedenen Symbole für verschiedene Handwerke und deren Innungen? Ist das ein Bingo mit Symbolen an der Wand? Ich google nach einer Antwort. Fehlanzeige.

Schließlich, so an Tag 16 unserer Reise fällt mir die Lösung ein: Frag doch einfach mal einen Marokkaner! „Das ist noch von den letzten Regionalwahlen“, erklärt mir der Chef unseres verschlafenen Hotels im noch verschlafeneren Sidi Ifni. Die Symbole stehen für verschiedene Parteien. Die Parti Authenticité et Modernité“ (PAM) zum Beispiel hat den Traktor am Start. Die „Parti de la justice et du développement“ (PJD) trägt das Licht der Öllampe vor sich her. Die Waage kommt von der Parti de l’Istiqlal“ (PI). Über die Zuordnung des Symbols zu einer Spaltenzahl ist klar, wo sich die Partei auf dem Wahlzettel wiederfindet.

Also, wenns nur nach Ästhetik ginge: Bei mir würde die Traktorpartei ganz weit vorne liegen.

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