Labas, Marokko – Die Kekse der Fatima

Mit Menschen in Marokko in Kontakt zu kommen ist nicht schwer. Stop. Korrektur: Mit Männern in Marokko in Kontakt zu kommen ist nicht schwer. In über zwei Wochen unseres Aufenthaltes sind wir – ausgenommen von zwei Bettlerinnen in Sidi Ifni – nicht aktiv von Frauen angesprochen worden. Dafür ungefähr zwölf Trillionen mal von Männern, Jungmännern und Jüngelchen. Viele Frauen mustern uns, wie auch die Männer. Aber keine von ihnen ruft „Ça va?“, „Salam!“ oder versucht ins Gespräch zu kommen.

Männer dominieren das Straßenbild. Männer bevölkern die Cafés. Sie beherrschen die Plätze und Ecken. Der öffentliche Raum ist nicht frauenfrei. Frauen sind auch unterwegs. Aber ihnen ist anzumerken, das sie dies mit der Berechtigung einer konkreten Mission sind, die sie auf die Straße bringt. Männer sind einfach selbverständlich da. Männer dominieren auch den Handel. In den Gassen der Medinas und auf Souks verkaufen sie in der Regel die Waren. Eine Ausnahme bilden Bäckereien und Konditoreien. Wir suchen viele Patissierien heim und treffen dort sehr häufg auf Frauen hinter der Ladentheke.

Mit der Zeit nervt mich die männliche Dominanz. Natürlich werden wir gemustert, weil wir augenscheinlich aus dem Ausland sind. Doch es ist mehr. Wir werden als Frauen aus dem Ausland gemustert, die sich durch eine männlich geprägte Welt mitsamt ihrer Regeln von und für Männern bewegen. Wir brechen qua Präsenz die Muster. Wie gerne würde ich mich mal in ein Café setzen, in dem am Nachbartisch ganz selbverständlich ein paar marokkanische Frauen Tee trinken und laut plaudern. Es gibt solche Cafés möglicherweise, wir finden sie nur nicht.

Nach einiger Zeit gehen wir dazu über, selbst aktiv Frauen anzusprechen. Zum Beispiel, wenn wir den Weg zu einer Bushaltestelle suchen, halten wir Ausschau nach einer Frau. So auch in der Mittagshitze von Tiznit. Die junge Frau lächelt uns freundlich an und dechiffriert geduldig unsere holprige französische Wegesfrage. Sie deutet uns den Weg. Ach, sie geht ohnehin in die Richtung, wir sollen einfach mitkommen. Verdorben von vielen kleinen Reiserfahrungen suchen wir insgeheim den Haken, während wir mit tapern. Aber Meter für Meter lernen wir: Fatima möchte sich wirklich einfach nur unterhalten. Sie hat viele Fragen, die ihr durch den Kopf gehen. Wie lebt es sich in Deutschland? Wo leben wir? Sind die Mieten teuer in Berlin? Was arbeiten wir? Ist es schwer, Arbeit zu finden? Wie viel verdienen Architekten? Sie hat gerade einen Marokkaner im Netz kennen gelernt, der in Deutschland lebt und als Architekt arbeitet. Sie interessiert wohl, ob seine Berichte und Angaben zutreffen. Was ist schwer in Deutschland? Gute Frage, Fatima!

Eigentlich sind wir an der Bushaltestelle angekommen. Aber bis zu unserem Bus ist noch Zeit. Fatima arbeitet, welch Überraschung, in einer Patissierie in der Nähe. Wir begleiten sie auf einen Kaffee. Weiter und weiter sprudeln auf dem Weg dahin ihre Fragen. Wie ist es um den Islam in Deutschland bestellt? Gibt es Vorurteile? Finden Ausländer gut Arbeit? Es ärgert mich unendlich, dass mein Französisch so schlecht ist und nur basale Antworten ermöglicht. Als wir schließlich zum Bus aufbrechen, drückt uns Fatima eine Packung mit Keksen in die Hand und küsst und herzt uns auf marokkanische Art wie alte Bekannte. Wir sind gerührt.

Die Kekese der Fatima – Soulfood im wahrsten Sinne des Wortes.

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