Labas, Marokko – Spaghetti al Hammam

Der schwere Kunststoffvorhang erinnert mich stark an solche, die in Schlachthöfen oder Kühlhäusern als Raumtrenner in offenen Türen fungieren. Dahinter wird es nicht heimeliger.  Ein kahler Kubus, bis an die Decke gekachelt. Ganz weit oben befinden sich kleine Fenster. Die Fliesen am Boden sind gesprungen. Aus den grauen Wänden ragen einige Wasserhähne. Mehr ist nicht. So stelle ich mir die Duschräume in einer Doku über russische Frauengefängnisse vor. Maximal runter gerockt. Hammam kenne ich von zuhause anders.

Unser Ausflug ins örtliche Frauenhammam hat eben schon denkwürdig begonnen. Im kargen Vorraum von einer fülligen älteren Dame in Empfang genommen, bekamen wir zunächst in einer Mischung aus Gestisch, Arabisch und Französisch bedeutet, wo wir unsere Anziehsachen ablegen können. Folgsam entkleidet griff ich zum großen Handtuch. „Non!“ Unsere Aufseherin verwehrte uns den Weg ins Allerheiligste. Diese Europäerinnen! Wie kommen die nur auf die Idee, ihre Unterhosen auszuziehen? Die bleiben an! Das hätten wir uns nach all den Tagen in Marokko eigentlich denken können, dass auch im Hammam nicht plötzlich alle Hüllen fallen. Schlüpfer eilig wieder an.

Nun stehen wir also etwas verlassen im Allerheiligsten, samt Unterhosen am Leib und schwarzen Plastikeimer in der Hand.  Zwei Augenpaare mustern uns unverhohlen neugierig. Die beiden dazugehörige jungen Frauen in einer der Ecken sind eindeutig besser ausgestattet als wir. Sie haben kleine Plastikschemel mitgebracht, auf denen sie nun thronen, umgeben von ihrer gesamten, äußerst vielteiligen Beautyausrüstung und sicher zehn Eimern gefüllt mit Wasser. Wir hingegen haben nur Shampoo dabei und nicht mal daran gedacht uns diese braune Schrubbelpaste für die Haut zu kaufen.

Wir schaufeln uns gerade Wasser über die staubigen Körper, als plötzlich unsere Aufseherin wieder neben uns steht. Sie ist nun wie wir nackt bis auf die Unterhose. Mit einer kurzen Handbewegung befiehlt sie, dass wir uns hinhocken. Widerstand zwecklos, das sieht man ihrem entschlossenen Gesichtsausdruck an. Wir werden ihr Hammam nicht verlassen, ohne zu wissen, was es in Sidi Ifni heißt, ein Hammam für Frauen zu besuchen! Staunend beobachte ich die nächsten Minuten, wie meine Freundin nach allen Regeln der Kunst hammamisiert wird. Unsere Aufseherin klemmt sie kurzerhand zwischen Beinen, Armen und ihrem voluminösen Oberkörper fest und legt los. Flugs verteilt sie eine braune Paste sorgfältig überall auf der Haut – außer beim Schlüpper, versteht sich. Dann kommt ein Rubbelhandschuh zum Einsatz. Verzückt blickt unsere Hammamaufseherin auf die ersten schmalen Würste: „Spaghetti!“

Auf eine Spaghetti folgen etliche mehr. Mir bleibt keine Zeit zur Kontemplation darüber, wie lange es wohl dauert, bis meine Freundin keine Haut mehr hat. Denn schon werde ich zum Wasser holen beordert. Die Spaghetti spült es hinfort, meine Freundin sieht nun überall sehr rosig aus. Die Procedur wiederholt sich mit mir als Rubbelobjekt. Ich muss sagen, die Frau hat den Bogen raus. Sie rubbelt und schrubbelt genau so, dass es nicht schmerzt, aber dennoch ordentlich Wumms hat. Kann man sich dran gewöhnen. Auch unter meinen Spaghetti kommt zarte Haut zum Vorschein, frisch und rein. Aber das reicht der Hammamaufseherin noch nicht. Es geht uns noch mit Seife zuleibe. Wäre doch gelacht, wenn man die zwei deutschen Mädels hier nicht mal richtig sauber und wohlriechend hinbekommen würde! Zum Schluss müssen wir uns hinstellen. Eimer für Eimer ergießt sich über uns. Die Aufseherin deutet auf meine Unterhose. Aufhalten? Ok. Eine ganze Ladung in die offene Büx. Erst jetzt ist das Werk vollbracht. Frau Spaghetti nickt zufrieden und zieht von dannen.

Rotgesichtig und beseelt landen wir wieder im Umkleidebereich. Irgendwie bewerkstelligen wir es, uns würdevoll aus unseren nassen Unterhosen zu schälen. Zum Abschied richtet mir die Hammamaufseherin liebevoll mein Kopftuch über dem nassen Haar. Verkühl Dich nicht, mein Kind! Dann gibts eine Umarmung und wir werden entlassen, steigen Stufe für Stufe aus ihrer Welt der Spaghetti zurück, in den Staub von Sidi Ifni.

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