Archiv für U2

Von Party Girl to Vertigo

Posted in Cover me, Soundtrack of my life with tags , , , , , , on Februar 1, 2009 by moz

Wie bereits eins weiter unten erwähnt, haben Elbow für den neuen War Child-Sampler U2 gecovert. Offensichtlich hat sich U2 selbst  Titel und Interpret ausgesucht. Die Wahl fiel auf das wirklich großartige Stück  Running to Stand still, Bono und Co.  ist der gute Geschmack also trotz ihrer eigenen Werke der letzten zehn Jahre noch nicht gänzlich abhanden gekommen. Was bei den Bemühungen von Elbow zu diesem Song rausgekommen ist, könnt ihr hier hören.

Man mag es meinen Worten hier und auch an anderer Stelle entnehmen, ich stehe dem Phänomen U2 zwiespältig gegenüber.  Zu  meinen ersten selbst gekauften Platten zählten War, Under a blood red sky und Unforgettable Fire. Sunday bloody sunday habe ich schon allein wegen des Schlagzeugs 80mal am Tag gehört, die Kassette steckte in meinem silbernen Walkman und begleitete mich überall hin. Ich fand U2 riesig. Joshua Tree hielt ich damals für unschlagbar, Rattle and Hum gehörte für mich noch in die Kategorie okeee, Achtung Baby ist für mich immer noch ein geniales Ding. Aber der Rest seit Zooropa ist mir nix mehr. Durchkalkulierter, musikalisch vorhersehbarer Kram, die ganz große Geste für ganz große Stadien.

Vor Jahr(zehnt)en hatte ich mal ein lustiges Telefongespräch mit einem  heiß geliebten Jüngling, der sich darüber amüsierte, dass ich U2 vergleichsweise schwoof und Achtung Baby extrem toll fand. Seine steile These, dass  80 Prozent der U2-Stücke aufgebaut sind und ablaufen wie der klassische Durchschnittssex, lege ich bei anderer Gelegenheit ausführlicher dar, beziehungsweise fühle ihr dann mal auf den Zahn, der These.

Stattdessen reise ich jetzt flugs noch einmal in das Jahr 1982/83 und ziehe mir Party Girl rein. Dafür, dass die Band das Stück angeblich selbst nicht mag, spielen sie es live doch aber recht häufig.  Legendär. Ein Kracher.

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Eltons Schaf

Posted in Off Record, Soundtrack of my life with tags , , , , , on Januar 19, 2008 by moz

Teile meiner Kindheit und Jugend waren von einem rigorosen Glauben durchzogen. Ich bin nicht einfach nur protestantisch gewesen. Ich war pietistisch unterwegs, besser noch evangelikal-pietistisch. Damit ist man nicht christlich, man ist christlicher als christlich. Die Schere im Kopf ist in diesem Umfeld oft der Normalfall. Und Teile meiner latenten sozialen Deformation resultieren sicher aus dieser Zeit.

Meine Eltern sind unschuldig an dieser Entwicklung. Schuld war der Sommer 1980, den ich einsam – da frisch umgezogen – im Neubaugebiet meiner neuen Heimatstadt MR zubringen musste. Die einzige Abwechslung verhieß das Kinderprogramm der ortsansässigen Jungschargruppe des EC. Geleitet von einer Frau mit schwarzem Kleid und weißer Haube, die auf den Namen „Schwester A.“ hörte. Eine Diakonisse, wie ich schnell lernen sollte. „Geh doch mal hin“, sagte meine Mutter. Ich ging – und lernte neben einer Menge netter Kinder irgendwann auch Jesus kennen. Denn ein wesentlicher Teil der evangelikalen Vorstellung von Glauben ist, dass man an einem bestimmten Punkt Gott-Jesus-Heiliger Geist aktiv in sein Leben bittet. In etwa so wie Saulus, als er vor Damaskus zum Paulus wurde.

Ich ging also seit 1980 regelmäßig in die Jungschar (in der übrigens damals so ab 10 die Geschlechtrennung galt). Ich nahm freiwillig in den Ferien an unzähligen Freizeiten teil, gegen die Bootcamps in Sachen Hirnwäsche ein Dreck sind. Ich habe mich in Gebetskreisen zusammen mit anderen Teenagern der Frage gestellt, ob ein Christ Popper sein kann. Und ich sang zeitweilig sogar mehr schlecht als recht in einem Jugendchor. Jede Zeit hat ihre Lieder, also auch diese. Viele davon, die wir in der Jungschar sangen, werde ich sicher noch mit 90 erinnern. Leben im Schatten, sterben auf Raten (der Text plus grooviger Heimorgel) oder Ins Wasser fällt ein Stein.

Das Leben als wiedergeborener Christ ist kein Pappenstiel. Die Welt da draußen hält viele Fallstricke bereit. I only wanna do what’s right und die Autoritäten aus dem evangelikalen Umfeld erläutern dir mit der Bibel in der Hand, was das ist und was nicht. Mit meinem ab elf, zwölf Jahren erwachenden Interesse an der weltlichen U-Musik kam ich daher schnell in Teufels Küche – und damit in arge Gewissensnöte. Denn mir wurde neben vielen anderen nützlichen Dingen – wie, dass Sex vor der Ehe nicht taugt und Homosexualität erst recht nicht – auch beigebracht, dass die säkuläre Pop- und Rockmusik natürlich gerne vom Teufel genutzt würde, um mich vom rechten Weg abzubringen.

Es gab da zum Beispiel ein Buch mit dem Titel Wir wollen nur Deine Seele. Das Machwerk habe ich mir zum Spaß und zu Recherchezwecken noch mal als PDF gezogen. Darin wurde detailliert erklärt, warum von den Beatles bis den Rolling Stones alle Satanisten waren. Hotel California von den Eagles ging selbstredend gar nicht. Black Sabbath war für mich der Inbegriff des Bösen. Der Inhalt ist echt zu krude, um ihn hier mit Auszügen zu würdigen. Aber er hinterließ zunächst einmal Eindruck. Auch meine damalige musikalische Jetzt-Zeit bot genug Zündstoff: Durfte ich Depeche Mode hören, deren Blasphemous Rumours doch eigentlich gar nicht ging und doch so toll war? Und was war mit The Cure? Schwierig, schwierig.

Ich wurde also etwas schizo, das half, mit diesem Dilemma zu leben. Klappte beim Rauchen und Trinken in der Folge auch ganz gut. Und ich fing natürlich an, christliche Bands in der Welt da draußen zu suchen. Ganz oben auf der Liste stand der kleine Weltverbesserer Bono mit U2, die ja insbesondere auf Unforgettable Fire und Joshua Tree ihre christlichen Anleihen hatten. Also hörte ich die rauf und runter – und verstand natürlich sofort, was Bono meinte, als er im Konzertfilm Rattle and Hum die Liveversion von Helter Skelter mit den Worten ankündigt:

This song charles Manson stole from the beatles, we’re stealing it back.

Aber es gab daneben auch einen ganzen Zweig richtig christlicher Künstler, überwiegend natürlich aus den USA. Getreu dem Motto Why should the devil have all the good music machten sie Pop und Rock mit christlichen Texten. Oder sie lebten wenigstens dezidiert christlich und damit einigermaßen „saubere“ Texte.

Noch zu meiner Zeit in den 80igern konnte man die Professionalisierung im amerikanischen und auch deutschen Markt gut beobachten. Es gab und gibt auch christlichen Metal, White Metal halt… Schizo wie ich war, speiste sich ein Teil meines Musiklebens auch aus dieser Quelle. Amy Grant, Bryan Duncan, Michael W. Smith (hier mit Amy Grant), Petra (klicken sämtlicher Beispiele auf eigene Gefahr ;-)). Wir fuhren sogar 1988 zum christlichen Musikfestival Flevo in die Niederlande, um dort drei Tage lang zu campen und Musik zu hören. Noch bekannter in Europa war Greenbelt in England, aber bis dahin kam ich nie. Damals waren die meisten Künstler aus dem Bereich Gospel, Pop, Rock, Metal. Heute gibt es jede musikalische Spielart auch von christlichen Musikern. Und sie finden ihren Weg zunehmend in die American Billboard, wie zum Beispiel P.O.D zeigen.

Zurück in meine 80iger Jahre: Christliche Musikgrößen sorgten mit Ausflügen in die säkulären Gefilde natürlich immer wieder für Diskussionen in den ultrachristlichen Kreisen. Große Aufregung gab es zum Beispiel, als BeBe und CeCe Winans im Gospel Chor von Madonnas Video zu Like a Prayer auftauchten (Die Frau, die Madonna ansingt, ist glaube ich CeCe Winans). Dürfen die das? Durften sie natürlich nicht, böseböse.

Man kann das jetzt alles niedlich und witzig finden. Im Kern geht es aber um überwiegend intolerante Wertvorstellungen und deren Durchsetzung mit allen nur erdenklichen Mitteln. Mit der seit den 80igern auch in Europa rasant gewachsenen christliche Kulturindustrie scheffeln ultrachristliche Gruppierungen Milliarden. Musik, Belletristik, Filme, Comics für die Kids – mit allen Mitteln wird eine ganz speziell zugeschnittene Frohe Botschaft in die Menschen gedrückt:

Alternative rock is just one pillar in the gigantic cathedral of Christian entertainment. It spans from the popular „Left Behind“ novels, which sold 28.8 million copies, to the Grammy-winning singer Steven Curtis Chapman, who helped pack in 50,000 at the Freedom Live festival in Tulsa, Okla., last week. Then there’s the 22 million video sales of the children’s cartoon „VeggieTales.“ This gospel-fueled fun is now a booming business and a cornerstone of American culture. […]

The largely evangelical industry has created its own parallel world anyway, a place where popular art and culture are filtered through a conservative Christian lens and infused with messages of faith. This is a milieu familiar to many people who live in the Red Zone–the vast swath of the nation that tends to go to church, voted for George W. Bush and is sometimes suspicious of the national press (including NEWSWEEK). On the mammon side, the rise of Christian entertainment is a simple matter of supply and demand. The number of evangelicals, or born-agains, has increased sharply over the past 20 years; some studies suggest they’re the fastest-growing segment of America’s religious population. The heavenly ring of cash registers has finally grown so loud that major publishers (including Warner Books) have started Christian-book divisions, and independent gospel-based labels are being snapped up by such corporate giants as Sony and Universal. You don’t have to care about music to see that the subculture of Christian rock, with its marketing strategies, ecclesiastical messages and devoted fans, sheds light on a fascinating sector of American life. (Lorraine Ali, The glorious Rise of Christian Pop, Newsweek, 16, July 2001)

Man kann nun argumentieren, dass sich jeder seine Nische so gemütlich machen kann, wie er will. Aber das Geld, das hier gescheffelt wird, fließt in vielen Fällen in Projekte, die dazu dienen, die Welt im Sinne fundamentalistischer Wertvorstellungen zu gestalten. Den Einfluss fundamentalistischer Kreise auf George W. hat die Dokumentation The Jesus Factor (lief im Oktober 2004 auch auf ARTE) gut dokumentiert.

Mein skurrilstes unter vielen skurrilen Erlebnissen im Zusammenhang mit dem Thema ultrachristliche Irrungen und Wirrungen rund um Musik hatte ich übrigens so mit 16 Jahren: Auch wiedergeborene Christen feiern. Auf einer Geburtstagsparty versuchte ich, aus der äußerst mickrigen und geschmacklich nicht ganz auf meiner Linie liegenden Musiksammlung als DJ irgendwie das Beste zu machen. Als ich gerade Elton John eingelegt hatte, kam einer der Gäste auf mich zu. Ich möge doch bitte etwas anderes als Elton John spielen. Hey schon klar, ich finde den auch nicht gerade super. Aber die Auswahl lässt mir keine andere Wahl. Nein, nein, das Musikalische sei nicht das Problem – aber der Inhalt. Ob ich denn nicht wisse, dass Elton John, nun ja, unter anderem auch mit Tieren verkehre? „Nö.“, sagte ich da, „Aber das erklärt Einiges: Dann besingt er in Blue Eyes sicher die Augen eines Schafes.“ Ich lachte mich kringelig, mein Gegenüber hingegen verzog keine Miene.

Ich glaube, das war der Tag, an dem das Leben ohne Schere im Kopf endgültig deutliche Konturen annahm….

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